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Darknet-Mythen und was wirklich stimmt
90 Prozent des Internets, Auftragsmörder, Red Rooms, totale Anonymität: neun verbreitete Darknet-Mythen im Faktencheck – mit Quellen.
Redaktion Darknet KompassAktualisiert am 5 Min. Lesezeit
Das Wichtigste in Kürze
- Das Darknet ist nicht 90 Prozent des Internets – diese Zahl wird fälschlich vom Deep Web übertragen.
- Tor zu nutzen ist legal und macht dich nicht automatisch anonym.
- Angebote für Auftragsmorde haben sich in bekannten Fällen als Betrug herausgestellt; für „Red Rooms“ gibt es keine belegten Beweise.
- Bitcoin ist nicht anonym, und Marktplätze sind keine sicheren Orte – auch nicht für ihre Nutzer.
Inhalt
Über das Darknet kursieren viele Mythen: Es sei 90 Prozent des Internets, man könne dort Auftragsmörder anheuern, und wer Tor benutze, sei unsichtbar. Die meisten dieser Behauptungen sind falsch oder stark übertrieben. Hier sind neun verbreitete Irrtümer im Faktencheck.
Mythos 1: „Das Darknet ist 90 Prozent des Internets“
Fakt: Diese Zahl bezieht sich – auch dort ohne belastbare Messung – auf das Deep Web, also alle Inhalte, die Suchmaschinen nicht erfassen: Postfächer, Kundenkonten, Datenbanken. Das Darknet ist ein kleiner Teil davon. Die verbreiteten Größenangaben gehen auf eine Schätzung von 2001 zurück, die sich auf damalige Online-Datenbanken bezog.
Mehr dazu: Darknet, Deep Web, Clearnet: die Unterschiede.
Mythos 2: „Schon der Besuch des Darknets ist verboten“
Fakt: In Deutschland ist es legal, den Tor Browser zu nutzen und Onion-Seiten aufzurufen. Auch das BSI stellt klar, dass das Bewegen im Darknet allein nicht illegal ist. Strafbar sind konkrete Handlungen – etwa der Kauf von Drogen oder der Besitz verbotener Inhalte.
Mehr dazu: Ist das Darknet illegal?
Mythos 3: „Das Darknet nutzen nur Kriminelle“
Fakt: Die meisten Tor-Nutzer besuchen überhaupt keine Onion-Seiten. Eine 2020 in der Fachzeitschrift PNAS veröffentlichte Studie schätzte, dass an einem durchschnittlichen Tag nur rund 6,7 Prozent der Tor-Nutzer Onion-Dienste aufrufen. Zu den Nutzern gehören Journalisten, Menschen in Zensurstaaten, Datenschutzbewusste und Ermittler. Kriminelle Angebote gibt es – sie sind aber nicht das ganze Darknet.
Mehr dazu: Wer nutzt das Darknet – und warum?
Mythos 4: „Mit Tor bin ich vollständig anonym“
Fakt: Tor verschleiert deine IP-Adresse gegenüber den besuchten Seiten und deinen Internetanbieter gegenüber deinem Ziel. Du kannst dich aber selbst verraten: durch Anmeldungen mit echten Daten, durch Metadaten in Dateien, durch heruntergeladene Dokumente, die außerhalb des Browsers eine Verbindung aufbauen, oder durch Schadsoftware. Auch das BSI weist darauf hin, dass eine Rückverfolgung trotz Tor nicht ausgeschlossen ist.
Mehr dazu: Anonymität und Privatsphäre: der Unterschied
Mythos 5: „Im Darknet kann man Auftragsmörder anheuern“
Fakt: Die bekanntesten „Hitman“-Seiten haben sich als Betrug erwiesen. Der Fall Besa Mafia ist gut dokumentiert: Die Seite gab sich als albanische Mafia aus, nahm Bitcoin für Mordaufträge entgegen und lieferte nichts. 2016 veröffentlichte ein Hacker die Kundenliste und Nachrichten der Seite und machte den Betrug öffentlich.
Gefährlich ist der Mythos trotzdem: Wer versucht, einen Mord in Auftrag zu geben, macht sich strafbar, auch wenn der „Dienstleister“ nur ein Betrüger ist. Und die Kundendaten solcher Seiten landen mitunter bei Ermittlern: Im US-Bundesstaat Minnesota führte eine Bitcoin-Adresse, die ein Besa-Mafia-Kunde verwendet hatte, zu einem Mann, der seine Frau später selbst tötete und dafür verurteilt wurde.
Mythos 6: „Es gibt Red Rooms mit Live-Folter“
Fakt: Für sogenannte Red Rooms – angebliche Livestreams von Folter oder Mord gegen Bezahlung – gibt es keine belegten Nachweise. Der Journalist Jamie Bartlett, der jahrelang zum Darknet recherchiert hat, berichtet, nie eine funktionierende Red-Room-Seite gesehen zu haben, und verweist auf Fachleute, die die bekannten Angebote für Betrug halten, der Bitcoin für nicht existierende Streams kassiert.
Das heißt nicht, dass es im Darknet keine abscheulichen Inhalte gäbe: Missbrauchsdarstellungen und Gewaltvideos existieren, und Ermittlungsbehörden gehen gezielt gegen sie vor. Der „Red Room“ als Live-Angebot ist aber ein moderner Mythos.
Mythos 7: „Tor ist eine Falle der US-Regierung“
Fakt: Tor ist aus einem Forschungsprojekt der US-Marine hervorgegangen und erhält bis heute auch staatliche Fördermittel. Der Quellcode ist jedoch vollständig offen und wird seit Jahren von unabhängigen Forschern weltweit geprüft. Die Relays betreiben Freiwillige in vielen Ländern. Bekannt gewordene Ermittlungserfolge beruhten bisher meist auf Fehlern der Täter – etwa wiederverwendeten Benutzernamen oder falsch konfigurierten Servern – und nicht auf einer Hintertür in Tor.
Mehr dazu: OPSEC-Fehler: bekannte Fälle und ihre Lehren
Mythos 8: „Bitcoin ist anonym“
Fakt: Bitcoin ist pseudonym, nicht anonym. Jede Transaktion steht dauerhaft und öffentlich in der Blockchain. Spezialisierte Firmen und Behörden können Zahlungsströme verfolgen und mit Kryptobörsen verknüpfen, bei denen sich Kunden ausweisen müssen. Viele Darknet-Ermittlungen begannen genau so. Deshalb setzen manche Marktplätze inzwischen ausschließlich auf Monero.
Mehr dazu: Ist Bitcoin anonym?
Mythos 9: „Auf Darknet-Märkten ist man dank Treuhand sicher“
Fakt: Viele Marktplätze werben mit einem Treuhandsystem (Escrow), bei dem das Geld erst nach Lieferung freigegeben wird. In der Praxis verschwinden Betreiber immer wieder mit den hinterlegten Guthaben – ein sogenannter Exit-Scam. Hinzu kommen gefälschte Kopien bekannter Marktplätze, betrügerische Händler und Ermittler, die Märkte verdeckt übernehmen, wie 2017 beim Markt Hansa.
Mehr dazu: Exit-Scams erklärt
Wie du Mythen selbst erkennst
Bei Behauptungen über das Darknet helfen drei Fragen:
- Wer sagt das? Eine Behörde, eine Studie oder ein anonymes Video?
- Woher stammt die Zahl? Fehlt die Quelle, ist Vorsicht geboten.
- Wem nützt die Geschichte? Gruselgeschichten bringen Klicks, Angst verkauft Sicherheitsprodukte.
Unsere eigene Arbeitsweise beschreiben wir unter Quellen und Methodik.
Häufige Fragen
Gibt es Red Rooms im Darknet wirklich?
Dafür gibt es keine belegten Nachweise. Fachleute, die das Darknet seit Jahren untersuchen, haben keine funktionierende Red-Room-Seite gefunden und halten die bekannten Angebote für Betrug.
Kann man im Darknet einen Auftragsmörder anheuern?
Bekannte „Hitman“-Seiten wie Besa Mafia haben sich als Betrug herausgestellt: Sie kassierten Bitcoin und lieferten nichts. Wer versucht, so einen Auftrag zu erteilen, macht sich dennoch strafbar, und die Kundendaten solcher Seiten sind schon bei Ermittlern gelandet.
Wird man beim bloßen Besuch des Darknets gehackt?
Nicht automatisch. Ein aktueller Tor Browser auf einem aktuellen System ist gut geschützt. Gefährlich sind vor allem heruntergeladene Dateien, Phishing-Seiten und veraltete Software.
Quellen
- History of InformationBeneath the Surface of the Ocean of Data: The Deep Web (zu Bergman 2001) abgerufen am 20.10.2026
- teltarif.deDie verborgene Seite (Bericht zu Darknet-Hinweisen des BSI) abgerufen am 20.10.2026
- VICEA Fake Dark Web Hitman Site Is Linked to a Real Murder abgerufen am 20.10.2026
- Jamie Bartlett (Autor von „The Dark Net“)Brianna Ghey and dark net ‘red rooms’ abgerufen am 20.10.2026
- ScienceAlertOnly a small fraction of the dark web is being used for hidden activity, study finds abgerufen am 20.10.2026
- Tor ProjectTor Project: History abgerufen am 20.10.2026
Redaktion
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Zuletzt aktualisiert am 20. Oktober 2026