FortgeschrittenSicherheit und Anonymität
Ein Bedrohungsmodell erstellen
Mit sechs Fragen zum eigenen Bedrohungsmodell: was du schützen willst, vor wem, wie wahrscheinlich ein Angriff ist und welche Maßnahmen sich lohnen.
Redaktion Darknet KompassAktualisiert am 3 Min. Lesezeit
Das Wichtigste in Kürze
- Ein Bedrohungsmodell klärt, was du schützen willst, vor wem und mit welchem Aufwand.
- Die EFF nutzt dafür sechs Fragen – von „Was will ich schützen?“ bis „Wer sind meine Verbündeten?“.
- Es gibt keine absolute Sicherheit, nur passende Maßnahmen für ein bestimmtes Risiko.
- Das Modell ändert sich mit deinem Leben und sollte regelmäßig überprüft werden.
Inhalt
Ein Bedrohungsmodell ist ein persönlicher Sicherheitsplan. Es beantwortet, was du schützen willst, vor wem, wie wahrscheinlich und wie folgenreich ein Angriff wäre und wie viel Aufwand du betreiben willst. Erst danach entscheidest du, welche Werkzeuge und Gewohnheiten du brauchst. So vermeidest du beides: zu wenig Schutz an der falschen Stelle und zu viel Aufwand, der im Alltag nicht durchzuhalten ist.
Die Begriffe
Die Electronic Frontier Foundation (EFF) verwendet in ihrem Leitfaden „Surveillance Self-Defense“ diese Begriffe:
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| Wert (Asset) | Etwas, das du schützen willst: Nachrichten, Kontakte, Standort, Dokumente, Geräte |
| Gegner | Eine Person oder Organisation, die deine Werte bedroht |
| Bedrohung | Ein mögliches Ereignis, das deine Werte gefährdet |
| Fähigkeit | Was ein Gegner technisch, rechtlich und finanziell erreichen kann |
| Risiko | Die Wahrscheinlichkeit, dass eine bestimmte Bedrohung eintritt |
Die sechs Fragen
1. Was will ich schützen?
Liste deine Werte konkret auf: Inhalte von Chats, deine Kontakte, deinen Wohnort, Gesundheitsdaten, Finanzkonten, Dokumente einer Recherche – oder schlicht die Tatsache, dass du mit einer bestimmten Person sprichst. Denke dabei auch an Metadaten: Wer mit wem wann kommuniziert, ist oft aufschlussreicher als der Inhalt.
2. Vor wem will ich es schützen?
Mögliche Gegner sind sehr unterschiedlich:
- Betrüger und Kriminelle, die an Geld oder Zugangsdaten wollen,
- Werbe- und Datenhändler, die Profile erstellen,
- ein Arbeitgeber, ein Ex-Partner oder ein Stalker,
- Behörden eines Staates – in Demokratien an Gesetze gebunden, in autoritären Staaten oft nicht.
3. Wie schlimm wäre es, wenn ich scheitere?
Ein gehacktes Streaming-Konto ist ärgerlich. Ein enttarnter Informant kann seinen Job, seine Freiheit oder mehr verlieren. Die Folgen bestimmen, wie viel Schutz angemessen ist.
4. Wie wahrscheinlich ist es, dass ich mich schützen muss?
Nicht jede denkbare Bedrohung ist wahrscheinlich. Ein Phishing-Angriff trifft fast jeden irgendwann. Eine gezielte Überwachung durch einen Geheimdienst betrifft wenige. Berücksichtige dabei die Fähigkeiten des Gegners: Ein Datenhändler kann dein Surfverhalten auswerten, aber nicht deine Wohnung durchsuchen.
5. Wie viel Aufwand will ich betreiben?
Jede Schutzmaßnahme kostet Zeit, Geld oder Komfort. Entscheide bewusst, was du in Kauf nimmst – und was nicht. Eine Maßnahme, die du nicht durchhältst, schützt nicht.
6. Wer sind meine Verbündeten?
Sicherheit ist selten eine Einzelaufgabe. Verbündete können Kolleginnen, eine Redaktion, eine Beratungsstelle oder Freunde sein, die dieselben verschlüsselten Werkzeuge nutzen. Wer allein Signal nutzt, kann niemandem sicher schreiben.
Drei Beispiele
| Alltagsnutzerin | Investigativjournalist | Aktivistin in autoritärem Staat | |
|---|---|---|---|
| Werte | Konten, Fotos, Zahlungsdaten | Quellen, Recherchematerial | Identität, Kontakte, Standort |
| Gegner | Betrüger, Datenhändler | Betroffene Unternehmen, Kriminelle, Behörden | Sicherheitsbehörden |
| Folgen | Geldverlust, Ärger | Gefährdete Quellen, Klagen | Haft, Gefahr für Leib und Leben |
| Sinnvolle Maßnahmen | Passwortmanager, Zwei-Faktor-Authentifizierung, Updates | Signal, SecureDrop, Tails, verschlüsselte Geräte | Tor mit Bridges, Tails, strikte Identitätstrennung, Gerätesicherheit |
Vom Modell zu Maßnahmen
- Schreibe die Antworten auf. Ein Plan im Kopf wird schnell vergessen.
- Ordne Bedrohungen nach Risiko. Wahrscheinlich und folgenreich zuerst.
- Wähle je Bedrohung eine Maßnahme, die du durchhalten kannst.
- Teste den Plan. Funktioniert die Wiederherstellung deiner Konten? Kennst du deinen Notfallablauf?
- Überprüfe ihn regelmäßig und bei jeder größeren Veränderung in deinem Leben.
Welche Werkzeuge zu welchem Risiko passen, zeigen Tails, Whonix und Qubes im Vergleich und OPSEC-Grundlagen.
Häufige Fragen
Warum nicht einfach alles maximal absichern?
Weil maximale Sicherheit im Alltag kaum durchzuhalten ist. Wer sich überfordert, macht Fehler oder gibt auf. Ein Bedrohungsmodell zeigt, welche Maßnahmen für dich wirklich zählen.
Wie oft sollte ich mein Bedrohungsmodell überprüfen?
Immer dann, wenn sich deine Lage ändert – neuer Job, Umzug, Trennung, eine brisante Recherche – und ansonsten etwa einmal im Jahr.
Gibt es eine Vorlage?
Die sechs Fragen in diesem Artikel, die auf dem Leitfaden der Electronic Frontier Foundation beruhen, reichen als Vorlage. Schreib die Antworten auf und leite daraus konkrete Maßnahmen ab.
Quellen
- Electronic Frontier FoundationYour Security Plan (Surveillance Self-Defense) abgerufen am 20.10.2026
- Freedom of the Press FoundationMetadata 102 abgerufen am 20.10.2026
- Tor Project SupportUsing Tor Browser with a VPN abgerufen am 20.10.2026
Redaktion
Die Redaktion recherchiert, schreibt und prüft alle Inhalte nach den veröffentlichten Redaktionsgrundsätzen. Jeder Artikel nennt seine Quellen.
Zuletzt aktualisiert am 20. Oktober 2026